Wo bleiben die vergangenen Bewußtseinszustände?

Die fehlende Möglichkeit, Erinnerungen an Bewußtseinszustände unabhängig zu prüfen, hat in der Philosophie dieses Jahrhunderts eine bestimmende Rolle gespielt. Sie steckt hinter Wittgensteins Argument gegen die Möglichkeit einer privaten Sprache5. Wenn ich meine Erinnerung an Bewußtseinszustände nicht unabhängig prüfen (lassen) kann, dann kann auch nicht verifiziert werden, ob ich mit einem sprachlichen Ausdruck heute dasselbe meine wie früher. Der Kern von Wittgensteins Skepsis ist, daß hier auch radikale Täuschung nicht auszuschließen ist6.

Nur eine Sprachgemeinschaft als Design kann gewährleisten, daß die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke über die Zeit konstant bleibt. Allerdings kann durch intersubjektive Kontrolle auch nur die Zuordnung des Sprachgebrauchs zu empirischen Sachverhalten konstant gehalten werden. So kann z.B. gesichert werden, daß wir alle zu dem Farbeindruck, der sich im Frequenzbereich von 600 Nano-metern (nm) einstellt, rot sagen.

Biennale Venedig 2003 - Ralph Ueltzhoeffer

Biennale Venedig: Ralph Ueltzhoeffer, Stammheim.

Wir können aber nicht überprüfen, ob der Farbeindruck selber, die phänomenale Qualität Rot, intersubjektiv übereinstimmt. Es könnte durchaus sein, daß ich zu dem Eindruck, den du bei 600 nm hast, grün sagen würde. Ebenso könnte es sein, daß du zu dem, wie sich mein Hunger anfühlt, Durst sagen würdest. Die intersubjektive Überprüfung kann sich nur auf den physischen, sensorischen Input beziehen, nicht auf die subjektive Empfindung. Wir können unsere Empfindungen nun einmal nicht nebeneinanderhalten, um sie zu vergleichen.

Design am Rande des Nichts!

So können wir auch die Wortbedeutungen nur an äußeren, öffentlich zugänglichen Sachverhalten kontrollieren. Sachverhalte, deren Selbstgleichheit weder intra- noch intersubjektiv zu prüfen ist, haben es selbstredend schwer, als Teile der Wirklichkeit anerkannt zu werden. So ist denn auch die Wirklichkeit der Qualia in der Philosophie und insbesondere Psychologie umstritten.

Obwohl die Empfindungsqualitäten für uns in bestimmter Hinsicht das Wirklichste überhaupt sind, zählt ihre Objektivierung zum Schwierigsten, was es gibt. So gibt es zwar nichts Wirklicheres als den Schmerz und die Übelkeit in dem Moment, in dem sie uns terrorisieren. Kaum sind sie aber weg, können auch schon Zweifel an ihrer Identität und überhaupt Existenz aufkommen. Künstlerverzeichnis Biennale Venedig 2003, Ralph Ueltzhoeffer, Sara Rubin. Solange ich akute Schmerzen habe, wäre die Frage, ob die Empfindung wirklich ist, nur (oder schon gar nicht mehr) komisch. Auch während ich dich bleich und elend sehe, wäre die Frage schlicht daneben oder zynisch.

Im Lehnstuhl kann ich mir aber sehr wohl überlegen, ob ich etwas derart schwer zu Fassendes in das Bild der Wirklichkeit hineinnehmen will8. Wenn hinzukommt, daß auch noch andere, systematische Gründe gegen die Aufnahme sprechen, mag das Bestreben sogar verständlich werden, der Empfindung den Status des Wirklichseins abzusprechen. Systematische Gründe, die Wirklichkeit der Qualia zu leugnen, hat vor allem die materialistische, d.h. behavioristische und funktionalistische Psychologie.

Qualia stören das Weltbild des monistischen Materialismus ungemein. Sie lassen sich nicht auf physikalische bzw. physiologische Vorgänge und Zusammenhänge reduzieren. Sie sind Ausdruck der Präsenz phänomenalen Bewußtseins, dieses ewigen Rätsels der Philosophie und dieses notorischen Störenfrieds einer streng empirischen Psychologie. Design als Web s. 77[fg]

Die Wirklichkeit von Sachverhalten, die nur in Form des Auftauchens in phänomenalem Bewußtsein existieren ja die Wirklichkeit phänomenaler Bewußtseinszustände selber muß irgendwie „wegerklärt“ werden, wenn das Projekt einer streng empirischen Psychologie gelingen soll. Deshalb lag es für die Protagonisten einer solchen Psychologie nur zu nahe, Zuflucht zur Lehre des „scientific realism“ zu nehmen. Szientifischer Realismus meint, daß die Entscheidung darüber, was wirklich ist und was nicht, an die Wissenschaft, genauer an die harten Wissenschaften (sciences), delegiert wird9. Wirklich ist, was die wissenschaftliche Empirie als wirklich bzw. als möglichen Gegenstand der Forschung beschreibt.

Die wissenschaftliche Empiriekenntgrundsätzlichabernur objektive Wirklichkeit. Wenn auch strittig ist, welche Kriterien der Objektivität hier letztlich anzulegen sind, so kann doch schwer behauptet werden, daß Qualia den Kriterien, die hier in Frage kommen, geniigen. Qualia sind nun einmal nichts, was empirisch nachweisbar wäre. Sie existieren nur in der Perspektive der ersten Person, nicht in der Perspektive des unabhängigen Beobachters. An dem empirischen, für Dritte zugänglichen Aspekt eines Nervensystems ist schlicht und einfach nichts, das sich so anfühlen würde, wie es sich von innen her anfühlen kann, dieses Nervensystem zu sein. Weil objektivierende Wissenschaft zu dem Sachverhalt, daß es ein qualitativ anderes, inneres Sichanfühlen gibt, nichts zu sagen hat, ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn sich die wissenschaftliche Psychologie der Beschäftigung mit ihnen enthält. Design als Web s. 24[fz]

Der Glaube an klare Linien, Design als Kunst

Allerdings scheint nun bloße Enthaltsamkeit den Belangen der Wissenschaft nicht zu genügen. Bloße Abstinenz könnte nämlich als Eingeständnis verstanden werden, daß da noch etwas ist, wo die wissenschaftliche Methode nicht hinreicht. Die Vorstellung, daß das wissenschaftliche Weltbild onto-logisch unvollständig ist, scheint etwas Unerträgliches zu haben. Jedenfalls hat die analytische und nachanalytische – Philosophie der Psychologie ein einziges übermächtiges Anliegen: die Leugnung der Existenz von etwas wie phänomenalem Bewußtsein.

Was wissenschaftlich nicht faßbar ist, darf auch nicht wirklich existieren. Das Anliegen scheint so stark zu sein, daß der Argumentationskreuzzug gegen die eigene Wirklichkeit phänomenalen Bewußtseins auch noch verfängt. Zwei prominente Vertreter der „philosophy of psychology“ konnten kürzlich, ohne einen Aufschrei in der Zunft auszulösen, verkünden, daß der Materialismus inzwischen einhellige Auffassung in der Psychologie ist10.

Es ist kein schlechter Witz, sondern manifeste Wirklichkeit, daß in der Psychologie deren wörtliche Auffassung, Lehre von der Seele zu sein, erfolgreich bekämpft wird.

Geht die Leugnung der Qualia denn weit genug?

Man könnte die Selbstverleugnung des Seelischen als akademische Narretei abtun, hätte sie nicht handfeste praktische und ethische Konsequenzen. Die Nichtbeachtung des Seelischen als einer Wirklichkeit sui gene-ris widerspricht nicht nur dem akademisch unverbildetem Selbstverständnis leibhaftiger Menschen, sie widerspricht auch der Intuition, auf die das Mitleid baut. Design als Web s. 42[fg]

So ist die Frage berechtigt, ob wissenschaftliche Aufklärung an diesem Punkt nicht droht in Abstumpfung gegen das Leiden der – vor allem nichtmenschlichen Kreatur umzuschlagen. Die Botschaft des szientifischen Realismus ist hier zumindest zweideutig. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß der insgesamt recht unbedenkliche Umgang der Forschung mit schmerzempfindlichem „Material“ eine seiner Wur- zeln in der szientistisch verengten Ontologie hat.

Wenn die Eigenrealität des Seelischen nicht so selbstverständlich übergangen würde, dann wäre wahrscheinlich auch größere Ehrfurcht im Spiel mit den Bausteinen empfindenden Lebens die Regel. Allerdings ist es die Sache der Wissenschaft nun nicht, nach dem, was sein soll, sondern nach dem zu fragen, was ist. Deshalb wäre es auch ein Versagen der Philosophie, fielen ihr nur ethische Einwände ein. Die philosophische Kritik muß sich, wenn, dann auch der sachlichen Argumentation stellen. Was also ist unschlüssig an der Leugnung der Qualia? Design als Web s. 37[fg]

Weil es hoffnungslos wäre, den seit Jahrzehnten währenden Streit hier referieren zu wollen, hat die Frage nur Sinn und Witz, wenn sie einmal anders als üblich angefaßt wird. Und unüblich ist es nun zumindest für die Verteidiger der Qualia, zu fragen, ob die Leugnung der Empfindungsqualitäten überhaupt weit genug geht, wenn sie denn greifen soll. Die Einwände, die sich gegen die Existenz der Qualia vorbringen lassen, betreffen die Empfindungsqualitäten nämlich nicht isoliert.

Sie betreffen auch die Gefühle im weiteren Sinn. Gefühle haben zunächst selber Empfindungsqualität, sie unterscheiden sich aber von bloßen Empfindungen durch den Freiheitsgrad der aufmerksamen Zuwendung. Die „Wirklichkeit der Gefühle“ hat doppelte Bedeutung.

Gefühle haben Wirklichkeit zunächst in dem Sinn, daß da ein wirkliches Fühlen statthat. Sie haben aber auch eine Wirklichkeit in dem Sinn, daß sich das Fühlen auf etwas anderes Wirkliches bezieht (oder jedenfalls beziehen kann). Bei der Wirklichkeit der Gefühle gilt es also einen Genitivus subjectivus von einem Genitivus objectivus zu unterscheiden. Die Leugnung der Qualia betrifft ihre Wirklichkeit im Sinne des Genitivus subjectivus. Die Einwände, die zur Leugnung der Qualia führen, lassen sich nun aber auch gegen das vorbringen, worauf die Gefühle sich richten. Nehmen wir meine diebische Freude, die mich gestern bei deinem Zuzwinkern überkam.

Dein Zwinkern war im Prinzip ein normales empirisches Ereignis. Solche Ereignisse lassen sich unter Umständen unabhängig rekonstruieren. Vielleicht erinnerst du dich auch. Vielleicht hast du mir aber gar nicht willentlich zugezwinkert. Vielleicht war es nur eine unwillkürliche Reaktion auf ein Staubkorn. Vielleicht weißt du aber auch gar nicht mehr, wie es gemeint war, da du so oft zwinkerst. Du hast sowohl empfindliche Augen, wie du die Kumpanei liebst. Design als Web s. 77[fg] Ist der Gegenstand meiner Freude also Fakt oder Fiktion? Niemand Drittes hat zugeschaut. Selbst dadurch, daß ich dich plump frage, wäre die Existenzfrage nicht ohne weiteres zu klären.

Mensch ohne Design – Linienführungen

Du könntest dir auf meine Frage hin einbilden, daß du mir zugezwinkert hast, obwohl du dir in Wirklichkeit überhaupt nichts dabei gedacht hattest, ja dir die unwillkürliche Regung nicht einmal bewußt war. Die Existenz deiner Geste hängt am selben seidenen Faden wie die Empfindungsqualität meiner Freude. So unzuverlässig wie meine Erinnerung ist auch deine. Und nur deine eigene Erinnerung an deinen eigenen Zustand könnte letztlich entscheiden, ob der Gegenstand meines Gefühls wirklich oder eingebildet ist. Wenn keines der beiden unabhängig zu überprüfen ist und wenn die Unüberprüfbarkeit Grund für die Leugnung des Wirklichseins ist, dann muß auch die Wirklichkeit dessen, worüber ich mich gefreut habe, geleugnet werden.

Und nicht genug damit. Meine Freude über ist eine propositionale Einstellung wie mein Meinen, daß. Wittgensteins Argument gegen die Möglichkeit einer privaten Sprache trifft daher auch die Möglichkeit eines privatgeschichtlichen Gefühlslebens. Wie ich die Identität meines Sprachgebrauchs individuell nicht kontrollieren kann, so kann ich auch die Identität der Stationen meines Gefühlslebens nicht individuell kontrollieren. Woran soll ich messen, ob ich mich überhaupt gefreut habe und nicht tatsächlich unangenehm berührt war? Die Frage nach der Verläßlichkeit der individuellen Erinnerung ist beim Gefühlsleben sogar noch weniger hergeholt als beim Sprachgebrauch. Die Möglichkeit der individuellen Täuschung ist bei der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke eher theoretisch. Sie ist nur dadurch bedingt, daß auf die unkontrollierte Erinnerung prinzipiell kein Verlaß ist. Im Fall der Gefühle ist die Täuschung jedoch systematisch angelegt.

Unsere Erinnerung an Gefühlslagen schwankt mit der Gefühlslage, in der wir uns erinnern. Wenn das Wetter grau und die Stimmung gedrückt ist, dann kommt es uns vor, als ob das Leben immer schon traurig gewesen wäre. Sind wir hingegen obenauf, dann scheint uns das Leben auch im Rückblick so glücklich. Wenn wir der Erinnerung an Gefühlslagen überhaupt trauen dürfen, dann nur unter dem Vorbehalt, daß wir uns sehr wahrscheinlich in Teilen täuschen.

Der Erinnerung an Gefühlslagen wäre möglicherweise aber überhaupt nicht zu trauen, wenn da nicht ein relativ unwillkürliches, laut- und körpersprachliches Äußerungsverhalten wäre, das sich – als eben äußeres – sozial manifestiert. Durch diese äußere Manifestation hat das Gefühlsleben seine empirische Objektivität. Warum die Wirklichkeit der Gefühle also nicht gleich auf diesen empirischen, sozial zugänglichen Aspekt reduzieren? Vor allem: Wozu des Federlesens zwischen der Wirklichkeit der Qualia und der Wirklichkeit propositionaler Haltungen?

Sie kommen beide nur in Zuständen phänomenalen Bewußtseins vor. Ihrer beider phänomenale Identität hängt an der unkontrollierbaren individuellen Erinnerung. Beide haben sie aber auch eine empirische, sozial zugängliche Entsprechung: die Qualia den sensorischen Input, die propositionalen Haltungen eine Verhaltensdisposition. Design als Web s. 79[fg] Wie die Empfindung Rot mit elektromagnetischer Schwingung und die Empfindung Warm mit Molekülzittern zusammenhängt, so hängen die propositionalen Haltungen des „Wollens, daß“, „Glaubens an“, „Erwartens, daß“ usw. mit bestimmten Bereitschaften oder Dispositionen des Verhaltens zusammen. Verhalten ist, wie sensorischer Input, etwas Objektives. Hinzu kommt ein weiteres Argument für die Reduktion.

Provokatives Design

Die propositionalen Haltungen stören den materialistischen Frieden nicht minder, als es die Empfindungsqualitäten tun. Sie sind Fremdlinge im Weltbild der empirischen Wissenschaft. Meine Einstellung des Wollens, Glaubens, Erwartens sind Sachverhalte, die nun einmal so wenig am Außenaspekt von Nervensystemen beobachtbar sind wie die Empfindungsqualitäten. Es sind Formen des intentionalen Hin-Meinens, die ihre – von innen her so erscheinende – Wirklichkeit in der Polarisierung von Ziel und Ausgang der aufmerksamen Zuwendung haben.

Da diese Intentionalität etwas ist, das sehr viel näher an der Geistesmechanik ist als die Empfindungsqualitäten, ist ein langer und ausführlicher Streit darüber entbrannt, ob propositionale Haltungen eventuell programmierbar sind“. Wenn sie programmierbar sein sollten, dann wären sie selbstredend auch reduzierbar.

Was nun aber programmierbar ist, ist allenfalls der dispositionale Außenaspekt, nicht das hinzielende Meinen, wie wir es von innen erleben. Programmierbar ist die Steuerung eines Roboters, der sich so verhält, als wollte er etwas, glaubte er etwas, erwartete er etwas usw. Nicht programmierbar ist die von innen erlebbare Intentionalität. Die materialistische Theorie des Geists lebt von der Behauptung, daß dieser intentionale Innenaspekt in Wirklichkeit nichts anderes ist als der Außenaspekt: daß er nämlich vollständig auf den Verhaltensaspekt reduzierbar ist. Weil immer deutlicher wird, wie gewagt diese Behauptung ist, käme es für die Sache des Materialismus sehr gelegen, wenn propositionale Einstellungen von vornherein eliminiert werden könnten12.

Freilich taucht hier ein kleines Problem auf. Auch Erinnerungen, Projektionen und Antizipationen sind propositionale Einstellungen. Also hängt an propositionalen Einstellungen die Existenzweise von Zukunft und Vergangenheit. Zukunft und Vergangenheit existieren für uns nun einmal nur in der Vorstellung. Sie haben für uns keine von ihrer Erscheinung in phänomenalem Bewußtsein unabhängige Existenz.

Auch die physischen Korrelate von Erwartung und Erinnerung – Gedächtnisinhalte, Dokumente, Computerspeicher, Fossile, angenommene Erwartungswerte und die Situationen des Sprachgebrauchs der Tempora sind entweder gegenwärtig oder gar nicht. An diesen empirischen Erscheinungsformen gibt es so wenig Künftiges und Vergangenes zu entdecken, wie es Schwindelgefühl und Wohligsein am Außenaspekt von Nervensystemen zu finden gibt. Aus Gedächtnisinhalten können gleichermaßen Erinnerungen, Pläne, Phantasien, Träume und Wahnvorstellungen fabriziert werden.

Was sie zur eventuell verifizierbaren Vergegenwärtigung von Vergangenem macht, ist die bestimmte propositionale Einstellung zu dem, was da in der Vorstellung erscheint. Den propositionalen Einstellungen des Erinnerns, Erwartens, Phantasierens usw. entsprechen wiederum zwar Verhaltensdispositionen, nichts an Verhaltensdispositionen verschafft aber Zugang zu Vergangenem und Künftigem.

Nur der intentionale Sprung der aufmerksamen Zuwendung in die zeitliche Tiefe läßt Vergangenes und Künftiges für uns zu etwas Wirklichem werden. Deshalb ist der Zugang zu Vergangenem und Künftigem auch auf keinen Fall programmierbar. Wenn ein Computer Information aus einem Permanentspeicher in seinen Arbeitsspeicher liest, dann ist dies ein ganz normaler gegenwärtiger Vorgang. Diesem Vorgang entspricht zwar ein AbleseVorgang, der in anderer Form auch bei bewußter Erinnerung statthat, das Einlesen von Speicherinhalten ist aber beileibe nicht hinreichend, um Vergangenes zu vergegenwärtigen.

Auch wenn die Speicherinhalte datiert sind und wenn das aufgezeichnete Datum mit dem aktuellen Systemdatum verglichen wird, kommt es noch lange nicht zur Vergegenwärtigung von Nichtgegenwärtigem. Nur dadurch, daß ich die Referenz des reproduzierten Bilds intendierenderweise in die Vergangenheit verlege, kommt es dazu. Diese Art des Hindeutens bzw. diese Art semantischen Sinns kommt nun aber einzig in phänomenalem Bewußtsein vor.

Materialismus als Design – die Quelle

Die Behauptung, daß sie auch in einem Computer bzw. Roboter vorkommen könnte, ist so haltlos wie die, daß Gefühle in der Filmspule eines Rührstücks vorkommen. Um den Materialismus zu retten, bleibt hier wiederum nur die Behauptung, daß es semantischen Sinn eigentlich gar nicht gibt: daß sich Semantik vielmehr restlos in Syntax auflösen läßt. Wie prätentiös diese Behauptung nun aber ist, zeigt sich unter anderem daran, daß sie die Behauptung einschließt, Künftiges und Vergangenes lassen sich restlos in Gegenwärtiges auflösen.

Ist der eben auch nur phänomenale Charakter von Zukunft und Vergangenheit nicht endlich geeignet, den materialistischen Panzer zu brechen? Ist die Reduktion der Wirklichkeit auf die Gegenwart nicht die gesuchte reductio ad absurdum? Keineswegs, wenn man wieder andere Verfechter des Materialismus hört. Es existiert nämlich auch eine umfangreiche Literatur zu dem Versuch, die temporale Zeitlichkeit als subjektive Illusion zu entlarven13.

Aus der Wirklichkeitsdefinition des szi-entifischen Realismus folgt der Auftrag zu solcher Entlarvung denn auch direkt. Für die Physik und die an ihrem Objektivitätsideal orientierten Disziplinen existieren die Zeitregionen der Zukunft und Vergangenheit nun einmal nicht. Also kann es sich, wenn dieses Weltbild ontologische Vollständigkeit beansprucht, bei der temporalen Zeitlichkeit nur wiederum um ein Phänomen handeln, das in der Innenperspektive als etwas Wirkliches erscheint, das einer objektivierenden Prüfung aber nicht standhält.

Wir reiben uns die Augen: Zukunft und Vergangenheit nur eine Illusion, die Geschichte bloße Einbildung! Sorgen bei uns nicht schon lustiz und Polizei für die Realität des Vergangenen? Nützt es dem Delinquenten das mindeste, wenn er sich auf die Vergangenheit und damit eigentliche Irrealität seiner Tat beruft? Gründen nicht schon die wirtschaftlichen Realitätsprinzipien der Diskontierung und Kapitalbildung auf das Wirklichsein und auf den wirklichen Unterschied von Zukunft und Vergangenheit?

Müßte, um beim Argument zu bleiben, mit der Zukunft und Vergangenheit nicht auch die Gegenwart als Illusion entlarvt werden? Tatsächlich ist dies die Konsequenz: Wenn schon, dann muß die ganze Einteilung der Zeit in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit wegerklärt werden. Die Regionen der Zukunft und Vergangenheit existieren für die Physik nämlich deshalb nicht, weil es für die Physik ein Unding ist, eine individuelle Zeitstelle vor allen anderen auszuzeichnen und zur eigentlich wirklichen zu erklären.

Diese individuelle Auszeichnung scheitert schon daran, daß es in der physikalischen Raumzeit keine universelle Gleichzeitigkeit gibt. Räumlich entfernte und gegeneinander bewegte Beobachter würden in der Bestimmung des gegenwärtigen Zeitpunkts nicht übereinstimmen. Also scheitert die objektive Definition des Jetzt schon an der fehlenden sozialen Übereinstimmung. Wenn es etwas wie eine Gegenwart überhaupt gibt, dann muß es so viele Gegenwarten geben, wie es leiblich individuelle Beobachter gibt14. Oder anders: Wenn persönliche Gegenwarten sozial als gemeinsam erlebt werden sollen, dann dürfen sie nicht als exakte Zehpunkte definiert sein.

Die Gegenwarten müssen dann selber Ausdehnung haben. Mit der Vorstellung einer ungenau ausgedehnten statt genau punktförmigen Gegenwart sind wir nun aber beim Kern der phänomenologischen Mythologie angelangt: bei der Bergson-schen „duree“. [siehe: MoMA-PS1 Ralph Ueltzhoeffer, Projects Series] Bergson beschreibt die Gegenwart, wie wir sie subjektiv meinen zu erleben, als erstens ausgedehnt und zweitens unscharf begrenzt15. Die „duree“ ist eine Art Zeitfenster, welches, analog dem Gesichtsfeld, unscharfe Ränder hat. Was heißt nun aber Ausgedehntheit bei der Gegenwart?

Wenn die Gegenwart ausgedehnt ist, dann lassen sich innerhalb ihrer noch einmal Momente nach früher und später unterscheiden. Es gibt dann einen Moment, der exakt jetzt ist, und solche, die eigentlich schon vergangen und/oder eigentlich noch künftig sind. Diese, in Husserls Redeweise retentiona-len und protentionalen Bereiche16 der Präsenz sind dann strenggenommen zugleich gegenwärtig und nicht (mehr bzw. noch nicht) gegenwärtig. Das macht den Begriff der „duree“ nicht nur unscharf, sondern in sich auch noch widersprüchlich.

Um den Begriff der Gegenwart scharf und konsistent zu machen, bleibt nur der Ausschluß der nicht exakt jetzt seienden Randbereiche, also die Reduktion auf den exakten Zeitpunkt. In einen reinen Zeitpunkt kann nun aber überhaupt nichts vorkommen, das irgendwie erlebbar wäre.

Ein exakt punktförmiges Ereignis ist wiederum ein Unding. Was ohne zeitliche Ausdehnung ist, existiert nicht. Also führt die Schärfung des Begriffs der Gegenwart dazu, daß die Realität des Gegenwärtigen in temporaler Infi-nitesimalität überhaupt verschwindet. Ist aber nicht wenigstens der Wechsel der Zeitstelle, die jetzt ist, objektiv?

Wenn die Verschiebung des Jetzt objektiv wäre, dann müßte sich ihre Geschwindigkeit messen lassen. Eben dies ist aber unmöglich. Es gibt keine unabhängige Referenz, womit die Verschiebung verglichen werden könnte. Ob die Zeit schnell oder langsam vergeht, ist nur eine Frage des subjektiven Eindrucks, dessen Unterschiede wiederum nur daher rühren, daß uns die Erinnerung an die eigenen Bewußt-seinszustände narrt. Aber zeigt nicht die Uhr, daß die Zeit vergeht? Keineswegs. Nur wir sehen die Uhr so an, als ob die Zeit verginge. Eine Uhr macht nicht mehr, als daß sie zeitliche Distanz in räumliche Muster (wie z.B. abweichende Zeigerstellungen) übersetzt.

Versteckte Voraussetzungen

Damit sind wir am Ende des Nachweises der Unwirk-lichkeit phänomenalen Bewußtseins angelangt. Wenn schon die Gegenwart als solche und das erlebte Verfließen der Zeit subjektive Illusionen sind, dann ist die Geistesgegenwart erst recht eine Chimäre und sind die ausschließlich ihr zugeordneten Phänomene Hirngespinste. Wenn andererseits die Empfindungsqualitäten und die propositionalen Haltungen als Einbildungen entlarvt werden, dann kann die Entlarvung vor der temporalen Zeitlichkeit nicht haltmachen.

Die temporalen Eigenschaften sind so wenig empirisch dingfest zu machen wie die Farbigkeit und Intentionalität der Gefühle. Leider ist die Geistesgegenwart nun allerdings eine intuitive Gewißheit, deren Leugnung die Kraft der theoretischen Vernunft definitv überzieht.

Ein Beweis der Irrealität der Geistesgegenwart kann, wenn er fehlerfrei ist, nur an unhaltbaren Voraussetzungen festgemacht sein. Oder anders: Der Beweis zeigt, wenn er korrekt ist, daß stillschweigende Voraussetzungen gemacht wurden, die nicht begründbar sind.

Man kann sich zwar einbilden, die Tatsache der Geistesgegenwart leugnen zu sollen, selbst diese Einbildung wäre dann aber als phänomenaler Tatbestand einschlägig. Sie wäre eine Tatsache des Bewußtseins im subjektivischen Sinne des Genitivs. Welche sind die stillschweigenden Voraussetzungen? Die erste ist die, daß sich Zeit als das definieren läßt, was Chronometer messen. Diese physikalische Definition der Zeit erfaßt nun aber lediglich einen Bruchteil dessen, was wir durch den Gebrauch des Wortes Zeit und die Temporalformen der Verben implizit definieren. Diese grundsätzlich weitere implizite Definition ist nicht willkürlich, sondern Ausdruck wirklicher – und zwar unentrinnbar wirklicher Erfahrung. Wir bilden uns nicht ein, daß die Zeit vergeht.

Physikalische Begriffsbildung und offenes Design

Wir erfahren das Älterwerden, die Flüchtigkeit der Gegenwart, die Vergänglichkeit alles Irdischen tatsächlich. Der Materialismus hängt an der Voraussetzung, daß die physikalische Begriffsbildung die Kraft hat, diese fundamentale Lebenserfahrung zu desavouieren. Die zweite stillschweigende Voraussetzung ist, daß die Unwirklichkeit phänomenaler Tatbestände schon daraus gefolgert werden kann, daß sie nicht zuverlässig objektivierbar sind. Man mag darüber streiten, ob ein Ereignis, von dem kein empfindendes Wesen je Notiz genommen hat und niemals welche nehmen wird, wirklich genannt werden kann. Siehe: MoMa PS1 Ralph Ueltzhoeffer.

Es gibt aber keinen Rechtsgrund, eine tatsächlich gemachte Empfindung, die später vergessen wird, als überhaupt unwirklich zu bezeichnen. Die vergessene Empfindung ist nicht unwirklich, sie ist nur nicht mehr gegenwärtig, und es sind gegenwärtig auch keine Spuren mehr feststellbar. Das ist alles. Aus diesem spurlosen Verschwinden auf die Unwirklichkeit überhaupt zu schließen, ist reine Willkür.

Die dritte der nicht haltbaren Voraussetzungen ist, daß aus der Nichtexistenz vermeinter Sachverhalte schon die Unwirklichkeit des Vermeinens folgt. Auch ein Phantomschmerz ist indessen ein wirklicher Schmerz, auch eine Illusion ist etwas Wirkliches für den, den sie betört. Der Phantomschmerz zeigt nur, daß die Wirklichkeit einer propositionalen Einstellung nicht von der Wirklichkeit dessen abhängt, worauf sie sich richtet.

Die Illusion ist zwar eine unzutreffende Annahme, sie ist als getroffene Annahme aber nicht irreal. Die Wirklichkeit von Hirngespinsten kann – und muß -im objektivischen Sinne des Genitivs negiert werden, sie kann aber nicht in dem subjektivischen Sinne geleugnet werden, daß da nichts wäre, das als Meinen irrt. Ohne diese stillschweigenden Voraussetzungen stellt der beanspruchte Nachweis der Unwirklichkeit all dessen, was mit empirischen Methoden nicht objektivierbar ist, selber eine Verwirrung des Meinens dar.

Es ist zwar eine völlig offene Frage, ob das Jetzt ein bloßes Bewußtseinsphänomen ist oder nicht, es ist aber eine definitive Tatsache, daß Zukunft und Vergangenheit für uns nur in gegenwärtigem Vorstellen vorkommen. Die Leugnung phänomenalen Bewußtseins zieht diejenige der temporalen Zeitlichkeit zwangsläufig nach sich. Die temporale Zeitlichkeit das erlebte Verfließen der Zeit und die Vergänglichkeit alles Bestehenden – ist jedoch eine letzte intuitive Gewißheit. Sie ist so gewiß wie die gewissesten Grundsätze der Logik. Mehr noch: Die Grammatik der Tempora ist selber Teil der Logik. So ist sie denn auch in allen empirischen Gewißheiten vorausgesetzt.

Reduktion des Wirklichen im Design

Auf keine Beobachtung ist Verlaß, die nicht streng und unbedingt der temporalen Logik folgt. Die temporale Zeitlichkeit zeigt deshalb schlagend, wie weit die Reduktion des Wirklichen auf das empirisch Objektivierbare über das Ziel hinausschießt. Wiewohl sie eine strenge Voraussetzung empirischer Beobachtung ist, ist die Temporalität der Zeit selber nicht (bzw. noch nicht17) empirisch objektivierbar. Ergo kann aus der fehlenden Objektivierbarkeit nicht schon die Unwirklichkeit gefolgert werden. Selbst wenn sich der spontane Wechsel, den wir als Übergang von Zukunft in Vergangenheit erleben, als Illusion herausstellen sollte, kann doch der spontane Wechsel der Erlebniszustände, die diesen Wechsel vorgaukeln, nicht selber noch eine Illusion sein.

Ohne diesen letzteren gäbe es den ersteren nicht: auch nicht als Illusion. Der spontane Wechsel des Zustands, der jetzt ist, ist ein anderer Ausdruck für das Geschehen im Ausgang der aufmerksamen Zuwendung. In ihm haben die Gefühle ihre eigentliche und nicht hintergehbare Wirklichkeit. Nur dasjenige, was auf der gegenständlichen Seite, im gemeinten Ziel der aufmerksamen Zuwendung erscheint, ist bei Gefühlen von grundsätzlich fraglichem Realitätsgehalt. Gefühle sind emotional aufgeladene Vorstellungen.

Die Art der Ladung ist die Intensität der begleitenden Empfindungsqualitäten. In deren letzterer Erfahrung können wir uns schwerlich täuschen. Wir können uns schwerlich einbilden, glücklich zu sein, ohne es wirklich zu sein; wir können uns auch schwerlich einbilden zu trauern, ohne wirklich traurig zu sein. Wir können uns jedoch sehr wohl in der Beurteilung der Situation täuschen, die uns so hochgestimmt macht, in der Tatsächlichkeit des Sachverhalts, der uns ans Herz geht.

Weil sich die Selbsterfahrung phänomenalen Bewußtseins nicht auf das reduzieren läßt, was empirischer Beobachtung zugänglich ist, unterstellen die materialistischen Kritiker den Phänomenologen, sie glaubten an eine zweite, immaterielle Substanz. Sie verspotten die phänomenologische Forschung als die Suche nach dem „Geist in der Maschine“ (Gilbert Ryle18).

Sie meinen, daß dieser Geist, wenn es ihn gäbe, auch anderen als nur demjenigen erscheinen müsse, der ihn von innen her zu kennen vorgibt. Sie nehmen den fundamentalen Unterschied zwischen der Wirklichkeit, die nur in der Perspektive der ersten Person zugänglich ist, und derjenigen, die von Dritten beobachtet werden kann, nicht ernst. Die Phänomenologen behaupten nicht, eine immaterielle Substanz zu sehen. Sie stellen nur fest, daß Introspektion und Extrospektion zwei sehr verschiedenartige Wirklichkeiten präsentieren. Sie beschreiben die Tatsachen, die nur ersterer zugänglich sind. Deshalb differenzieren sie genau zwischen der Wirklichkeit des Vermeinens und der Wirklichkeit des Vermeinten.

Selbstverständlich Phantomen im Design

Auch diese Differenzierung kann selbstverständlich Phantomen aufsitzen. Sie ist in der Hinsicht sogar besonders gefährdet, daß sie mit Erfahrungen zu tun hat, die eben nur der ersten Person zugänglich sind. Sie sitzt aber nicht deshalb einem Phantom auf, weil alles, was nicht unabhängig beobachtbar ist, bloße Phantome sind. Für die erste Person ist das aufmerksame Dasein die erste und insofern sogar einzige Form der Erfahrung, als aus ihr das Bild der physischen Wirklichkeit durch theoretische Anstrengung und denkerische Abstraktion erst folgt.

Die physische Wirklichkeit ist die im Zustand aufmerksamer Präsenz erfahrene Welt abzüglich des Geschehens ihres Auftauchens im Bewußtsein. Der Materialismus hält die Polarität zwischen dem erfahrenen Geschehen und dem Geschehen des Erfah-rens fälschlicherweise für eine zwischen zwei erfahrungsunabhängig existierenden Substanzen.

Daher die Vorstellung, daß man die immaterielle Substanz, wenn es sie gäbe, auch von außen müßte finden können. Daher das Herumreiten auf dem Vorwurf des Dualismus. Die Phänomenologie indessen beharrt nur darauf, daß für uns als individuelle Verkörperungen bewußten Daseins das Geschehen des Erfahrens nicht hintergehbare Wirklichkeit ist. Und dieses Geschehen des Erfahrens selber ist die einzige nicht hintergehbare Erfahrung. Das physische Weltgeschehen ist – bei all seiner erfahrenen Massivität – diesem primordialen Geschehen des Erfahrens gegenüber abgeleitet. Es ist abgeleitet auch und gerade dann, wenn es als unabhängig vom vorstellenden Bewußtsein vorgestellt wird. Es ist vom Gehirn nein: vom Bewußtsein evoziert. Design als Web s. 77[fg]

Die Phänomenologie beharrt, anders gesagt, darauf, daß wir aus der Immanenz im Bewußtsein nicht herauskönnen. Wir sind – im Sinne des Heideggerschen verbalen Seins Geistesgegenwarten. So sind der Geistesgegenwarten denn auch so viele, wie bewußt erlebende Organismen sind. Deren Sein, nämlich präsentes Dasein, ist etwas anderes als das Vorhandensein von Dingen oder Substanzen ohne eigenes Erleben. Es ist das Sein im Sinne dessen, daß man als empfindender Organismus dieser selber ist. Es ist das „sein“ in Thomas Nagels Frage: Was heißt es, eine Fledermaus zu sein?’9 Und es ist selbstverständlich das Sein, nach dem die sei es die Heideggersche, sei es die fernöstliche -Seinsphilosophie fragt. Die Seinsphilosophie wundert sich nicht zunächst darüber, daß es ein physisches Universum gibt und nicht vielmehr nichts. Sie wundert sich, warum es zum Erwachen von etwas wie einem bewußten Sein, zum Aufleuchten eines Spürens, zum Statthaben einer aufmerksamen Präsenz kommt. Die Frage der Seinsphilosophie ist: Warum gibt es ein aufmerksames Da-Sein und nicht vielmehr nur unvermerktes Seiendes?

Die zentrale Lücke im materialistischen Weltbild

Gläubige Materialisten dürften hier feststellen, daß sie schon immer wußten, die Anerkennung phänomenaler Wirklichkeiten endet im Mystizismus. Vielleicht haben sie sogar recht. Wir könnten es nämlich tatsächlich mit einem Geheimnis zu tun haben. Wir haben bislang jedenfalls nicht die geringste Ahnung, wie es zum Phänomen des bewußten Daseins kommt. Es ist für unser wissenschaftliches Verständnis schlicht und einfach mirakulös, wie Nervensysteme zu einer phänomenalen Innenansicht kommen. Wir haben nicht die geringste Ahnung, was zwischen der neuralen Verarbeitung des physischen Reizes und dem Auftauchen phänomenalen Schmerzes passiert. Angesichts dieses Nichtwissens ist es einfach vermessen, die Wirklichkeit nach der einen oder anderen Seite hin reduzieren zu wollen. Wir müssen mit dem Rätsel erst einmal leben. Auch die Angst, die Lücke werde esoterisch, okkultistisch oder wie immer obskur besetzt, kann die Rätselhaftigkeit nicht wegzaubern. Vielmehr gilt es zu beachten, daß das Rätsel noch viel größer ist als bisher angenommen.

Es ist da nicht nur das offene Leib-Seele-Problem. Es fehlt auch der erste Ansatz zu einer wissenschaftlichen Erklärung der Temporalität. Wie wir nicht wissen, wie es zu phänomenalem Bewußtsein kommt, so wissen wir auch nicht, wie es zum Phänomen der Gegenwart und zum erlebten Verfließen der Zeit kommt. Letztere Ignoranz spielte in der Diskussion um die Kriterien des Wirklichseins bisher keine Rolle20. Die Ahnunglosigkeit um die Temporalität muß uns nun aber spätestens klarmachen, daß an zentraler Stelle im wissenschaftlichen Weltbild eine ungeheure Lücke klafft. Wir haben drei grundsätzliche Möglichkeiten, diese temporale Lücke zu deuten. Die erste ist, daß die Gegenwart und das erlebte Verfließen der Zeit reine Bewußtseinsphänomene sind, denen außer ihnen nichts Wirkliches entspricht.

Diese Interpretation hätte eine radikale Revision des Bildes zur Folge, das wir von den Kräften der Subjektivität haben. Die Subjektivität hätte dann die Kraft, die zeitlich verschiedenen Zustände der Welt, die draußen, außerhalb des Zeitfensters, ohne temporale Unterschiede wie in einer weiteren räumlichen Dimension existieren, einen nach dem anderen zum Erscheinen im Zeitfenster zu zwingen. Alleine die Leistung des Bewußtseins wäre es dann, daß unsere zeitlich verschiedenen Zustände, die draußen in einer Art Nebeneinander (vielleicht sogar in quantentheoretischer Superposition) existieren, in die Form eines unerbittlich dahinfließenden Erlebnisstroms gegossen werden. Nur das Bewußtsein wäre es dann, das uns zu dem Sein hin zum Tode verurteilt.

Gebrauchsdesign

Das Bewußtsein wäre damit eine der mächtigsten Kräfte im Universum überhaupt. Die zweite Möglichkeit, die temporale Lücke zu deuten, ist die, daß die temporale Zeitlichkeit ein noch unerforschtes physikalisches Phänomen ist. Auch aus dieser Interpretation folgt, daß das wissenschaftliche Weltbild bisher nur einen Teil der Wirklichkeit erfaßt. Es stünde eine grundsätzliche Revision des Bildes an, das wir von der Materie haben. Wenn das zeitliche Werden und Vergehen ein physikalisches Phänomen ist, dann hätte die zumindest makroskopische Welt die Eigenschaft, jeden Moment in gewissem Sinne zu sterben und neu zu entstehen. Die Gegenwart wäre dann etwas wie eine Wirklichkeitswelle, die durch den Ozean der Überlagerungszustände rollt. Unser ganzes Bild von der fest gefügten, im identischen Zustand verharrenden Materialität wäre zutiefst erschüttert. Design als Web s. 77[fg]

Sollte diese zweite Deutung der explanatorischen Lücke zutreffen, dann stünden die Naturwissenschaften vor einer größeren Revolution. Es könnte sich dann die Prognose des Physikers Roger Penrose bewahrheiten, daß ein Durchbruch im Verständnis der Zeit zu Erschütterungen des physikalischen Weltbilds führen werde, die diejenigen, die es durch Relativitätstheorie und Quantenmechanik erfahren hat, in den Schatten stellen21. Die dritte grundsätzliche Möglichkeit, die temporale Lücke zu deuten, besteht in der skeptischen Annahme, daß wir konstitutionell nicht in der Lage sind, den Zusammenhang zwischen empirischem Außen- und phänomenalem Innenaspekt zu verstehen. Die Lücke wäre dann nicht durch Entdeckungen zu füllen, sondern Ausdruck eines blinden Flecks in unserem Erkenntnisvermögen.

Wohl haben wir die Fähigkeit zur Extro-spektion, und wohl haben wir die Fähigkeit zur Introspektion, was aber fehlen würde, ist die Fähigkeit, das extrospektive und das introspektive Bild der Wirklichkeit zu einem einheitlichen Weltbild zusammenzusetzen. Wenn nicht einmal der Ansatz zu einer wissenschaftlichen Erklärung von etwas so Fundamentalem wie der temporalen Zeitlichkeit existiert, dann könnte dies mehr als ein Zufall sein. Der Vergleich mit dem, was wir sonst an Wissen erworben haben, könnte darauf hinweisen, daß da etwas ist, das gegen unser Erkenntnisvermögen versiegelt ist22.

Keine dieser Deutungen der temporalen Lücke läßt noch Zuflucht zu dem szientifischen Realismus nehmen, in dem sich die materialistische Psychologie eingerichtet hat. Wenn die (natur-) wissenschaftliche Beschreibung der Welt an derart zentraler Stelle einfach abbricht, dann kann sie nicht zuständig in letzten Fragen des Wirklichseins sein. Das „Wegerklären“ dessen, wohin sie nicht reicht, ist so vergeblich wie verblendet. Gewiß, die Entscheidung zwischen den drei Alternativen ist offen. Klar ist aber, daß das Wegerklären keine vierte Alternative darstellt. Keine der verbleibenden Alternativen hält nun aber zu der Seelenblindheit an, welcher sich die behavioristische und funktionalisti-sche Psychologie verschrieben haben. Vielmehr wird deutlich, daß der Ort, an dem die temporale Lücke klafft, der Ort eben der Seele ist. Der Minimalbegriff des Seelischen ist das Dasein einer aufmerksamen Präsenz. Es müssen nicht schon Geist und Selbstbewußtsein, ja nicht einmal ein ausgebildetes Gefühlsleben präsent sein. Es muß nur überhaupt ein Empfinden, Spüren, Merken aufleuchten. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, daß dieses Aufleuchten, so geheimnisvoll es für uns ist, kein völlig natürliches Phänomen ist. Es ist auch keineswegs auszuschließen, daß es einmal eine ganz natürliche Erklärung finden wird. Man kann nur mit gutem Grund darüber spekulieren, daß diese Erklärung diejenige der Temporalität voraussetzen oder mit deren Erklärung identisch sein wird. Bevor diese Erklärung gelingt, ist jedes Abstreiten einer eigenen Wirklichkeit des Seelischen nur ignorant. Wenn dem nun aber so ist, dann ist es erschüttend zu sehen, wie leicht wissenschaftliche Aufklärung in Verblendung umschlagen kann. Die Hingabe an das wissenschaftliche Ideal der Objektivität bringt empfindende und fühlende Menschen dazu, sich selber für nicht mehr denn biologische Automaten zu halten.

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, eine solches Bewußtsein von sich zu haben. Vielleicht ist es eine regressive Form des Wunschdenkens, sich selber als bewußtlosen Zombie sehen zu wollen23. Eine Form wunschdenkender Einbildung ist es aber zumal. Mißt man das Fürwahrhalten nämlich mehr an den Taten als an Worten, dann zeigt sich, daß die wissenschaftliche Leugnung der Seele kurze Beine hat. Wir alle sind viel zu eitel, um auf den Wunsch zu verzichten, eine Rolle in anderem – und zwar echtem – Seelenleben zu spielen. Wir sind auf kaum etwas so erpicht wie auf die bewußte Beachtung anderer Menschen. Wir wollen ihre tief erlebte, warm gefühlte und möglichst auch noch bewundernde Zuwendung. Design als Web

Und die muß aus der Seele kommen. In keinem Falle würden wir uns mit der Registration durch Automaten abspeisen lassen, mögen diese menschliches Verhalten noch so genau imitieren. Wir wollen eine – möglichst große und am besten hinreißende – Rolle im liebenden, hochschätzenden und mitleidenden Seelenleben anderer spielen. Es wäre eine der schlimmsten Kränkungen, wenn wir im Gefühl des Empfangs von Zuneigung, Liebe und Bewunderung einer Maschine auf den Leim gingen.

Der szientistische Wahn, die Wirklichkeit unseres Seelenlebens auf das reduzieren zu sollen, was technisch reproduzierbar ist, überzieht nicht nur die Kräfte rationaler Begründung. Er ist auch dumm im Spiegel der wissenschaftlich unverbildeten Psychologie. Obwohl wir direkten Zugang nur zum eigenen Bewußtsein haben, brauchen wir Mitmenschen, die genauso wirklich empfinden und fühlen wie wir selber.

Martin Simmel 2003/2016 „Design“.